EU-Proteinplan bleibt hinter seinen eigenen Zielen zur Proteindiversifizierung zurück
 

GFI Europe begrüßt, dass der Protein-Aktionsplan der EU die Chancen von Proteinvielfalt hervorhebt. Allerdings bleibt der Plan in zwei Punkten, die entscheidend für die Skalierung pflanzlicher Lebensmittel sind, zu vage.

07. Juli 2026

Das Good Food Institute Europe (GFI Europe) begrüßt, dass der Protein-Aktionsplan der EU die Chancen von Proteinvielfalt hervorhebt und dabei heimische Eiweißpflanzen als wichtigen Hebel für die Ernährungssicherheit in der Europäischen Union anerkennt. Der von der Europäischen Kommission heute veröffentlichte Plan skizziert, wie Europa seine Importabhängigkeit von Soja und das Proteindefizit von 19 Millionen Tonnen verringern kann. Im Protein-Aktionsplan heißt es, dass pflanzliche Lebensmittel in Europa fest etabliert und akzeptiert seien und dass steigende Umsätze mit pflanzenbasierten Lebensmitteln neue Wertschöpfungschancen für Landwirtinnen und Landwirte böten.

Allerdings bleibt der Protein-Aktionsplan in zwei Punkten, die entscheidend für die Skalierung pflanzlicher Lebensmittel sind, zu vage: Zum einen enthält er keine zusätzlichen konkreten Maßnahmen, um landwirtschaftliche Betriebe bei der Umstellung auf den Anbau von Eiweißpflanzen für Lebensmittel und nicht nur als Futtermittel zu unterstützen. Zum anderen fehlen klare Zusagen für öffentliche Investitionen in Forschung und Entwicklung zu alternativen Proteinquellen. Dabei spielen vor allem moderne Fermentationstechnologien eine wichtige Rolle, wenn es darum geht, pflanzliche Alternativprodukte im Hinblick auf Geschmack und Textur weiter zu verbessern und die Herstellungskosten zu senken. 

Proteinvielfalt: Großes ökonomisches und ökologisches Potenzial 

Proteindiversifizierung wird zunehmend als wichtiges Instrument anerkannt, um die Klima- und Umweltauswirkungen des Ernährungssystems zu reduzieren, Risiken für die öffentliche Gesundheit zu verringern und die Ernährungssicherheit zu gewährleisten. 

Zudem entstehen im aufstrebenden Sektor für alternative Proteinquellen zukunftsfeste Arbeitsplätze und wirtschaftliches Wachstum. Laut einer Analyse von Systemiq könnte der Sektor für alternative Proteine in Deutschland bis 2045 jährlich bis zu 65 Milliarden Euro zur Wertschöpfung beitragen und bis zu 250.000 Arbeitsplätze schaffen. Inwieweit dieses Potenzial ausgeschöpft wird, hängt jedoch maßgeblich vom Ausmaß der politischen Unterstützung und von der Höhe privater und öffentlicher Investitionen ab.

Verpasste Chance für Deutschlands Landwirtschaft 

In Deutschland wird fast die Hälfte der gesamten Landfläche für landwirtschaftliche Zwecke genutzt. Der größte Teil davon dient der Tierhaltung und dem Export. Nur 16 % werden für den Anbau von Pflanzen für den direkten menschlichen Verzehr im Inland verwendet. Der Aufbau heimischer Lieferketten für alternative Proteine würde die Ernährungssouveränität stärken, Flächen für nachhaltigere Praktiken wie den ökologischen Landbau oder die Wiederaufforstung schaffen und gleichzeitig neue Wertschöpfung ermöglichen. Doch ohne stärkere Signale aus Brüssel könnte deutschen Landwirtinnen und Landwirten trotz eines wachsenden Marktes für pflanzliche Lebensmittel das Vertrauen fehlen, um verstärkt in den Anbau heimischer Eiweißpflanzen zu investieren. 

Eine verpasste Chance ist der Protein-Aktionsplan auch im Hinblick auf biotechnologisch hergestellte Lebensmittel: Mit Hilfe von Pilzen, Hefen und anderen Mikroorganismen lassen sich tierfreie Lebensmittel herstellen, die den Geschmack und die Textur tierischer Produkte nachbilden – wie etwa tierfreies Fleisch aus Pilzmyzel durch Biomassefermentation oder tierfreier Käse mittels Präzisionsfermentation.

Der Protein-Aktionsplan der EU erkennt zwar an, dass innovative Fermentationstechnologien eine nachhaltigere Methode zur Herstellung von Tierfutter sein können, geht aber nicht auf ihre Rolle für eine resiliente Lebensmittelproduktion für den menschlichen Verzehr ein. Gerade für Deutschland mit seiner starken Forschungs- und Industrielandschaft ist das eine verpasste Chance.

Der Plan kommt zu einem Zeitpunkt, an dem China ehrgeizige Vorschläge entwickelt, um seine Abhängigkeit von importierten Futtermitteln drastisch zu verringern und weltweit eine Führungsrolle bei Innovationen wie pflanzlichem Fleisch und Präzisionsfermentation einzunehmen. Ohne entschlossenere politische Unterstützung und mehr öffentliche Investitionen in Forschung und Skalierung drohen Deutschland und die EU hier zurückzufallen.

Ivo Rzegotta, Leiter Deutschland beim Good Food Institute Europe: „Mehr Vielfalt in unserer Proteinversorgung ist eine der größten Chancen, um Ernährungssicherheit in Europa zu gewährleisten und neue Wertschöpfung zu generieren. Die Kommission erkennt zu Recht das Potenzial heimischer Eiweißpflanzen zur Stärkung unserer Ernährungssouveränität an. Doch Anerkennung ohne konkrete Maßnahmen reicht nicht aus. Deutschland und Europa verfügen über alles, was nötig ist, um in diesem Sektor eine Führungsrolle zu übernehmen: eine erstklassige Forschungslandschaft, innovative Startups und weltweit etablierte Industrieunternehmen. Doch um dieses Potenzial zu heben, braucht es auch auf EU-Ebene gezielte öffentliche Investitionen in die Forschung zu alternativen Proteinquellen wie innovativen Fermentationstechnologien.”