Kultiviertes Fleisch
Wissenswertes zu Forschung, Marktlage und politischen Rahmenbedingungen im Bereich kultiviertes Fleisch.

Was versteht man unter kultiviertem Fleisch?
Kultiviertes Fleisch ist dasselbe Hühner-, Schweine- und Rindfleisch, das wir heute essen. Zur Herstellung werden tierische Fleisch- und Fettzellen in Fermentern (ähnlich wie beim Bierbrauen) kultiviert und mit pflanzlichen Zutaten gemischt.
Wofür braucht es kultiviertes Fleisch?
Europa braucht ein widerstandsfähiges Ernährungssystem. In den vergangenen Jahren kam es zu Unterbrechungen globaler Lieferketten, zugleich haben sich die Auswirkungen des Klimawandels verschärft und Zoonosen sind ausgebrochen. Unsere Abhängigkeit von der intensiven Tierhaltung als Proteinquelle verstärkt diese Risiken und macht uns zugleich anfällig für sie: Zwei Drittel des europäischen Getreides werden an Tiere verfüttert und 42 % der landwirtschaftlich genutzten Fläche wird als Weide oder für den Anbau von Tierfutter verwendet.
Um widerstandsfähiger zu werden, muss Europa seine Lebensmittelherstellung diversifizieren. Kultiviertes Fleisch könnte dazu beitragen, die Nachfrage nach Fleisch zu decken und zugleich den Druck auf das bestehende Ernährungssystem zu verringern.
Erste Untersuchungen deuten darauf hin, dass kultiviertes Fleisch im Vergleich zur herkömmlichen Fleischproduktion deutlich weniger Ressourcen beanspruchen könnte. Eine von CE Delft durchgeführte Studie – die erste Studie überhaupt, die sich auf empirische Daten von Unternehmen aus dem Bereich kultiviertes Fleisch stützt – kommt zu dem Ergebnis, dass die Kultivierung von Fleisch aus Zellen gegenüber der Tierhaltung deutliche ökologische Vorteile hat:
- Bis zu 92 % weniger Treibhausgasemissionen.
- Bis zu 94 % weniger Luftverschmutzung.
- Bis zu 90 % weniger Flächenbedarf.
Dabei handelt es sich um eine konservative Schätzung, denn für die Gegenüberstellung wird mit einem ambitionierten Szenario gearbeitet, in dem es der Tierhaltung gelingt, den CO2-Fußabdruck von Fleisch bis 2030 um 15 % (Rindfleisch), 26 % (Schweinefleisch) und 53 % (Hühnerfleisch) zu verringern.
Kultiviertes Fleisch wird zudem in einer hygienisch kontrollierten Umgebung ohne Belastung durch fäkale Krankheitserreger hergestellt, und es werden keine Antibiotika benötigt. So lässt sich das Risiko von Zoonosen und Antibiotikaresistenzen reduzieren.
Wie wird kultiviertes Fleisch hergestellt?
Die Kultivierung von Fleisch lässt sich mit der Zucht von Pflanzen in einem Gewächshaus vergleichen, bei der die Stecklinge mit Wärme, fruchtbarem Boden, Wasser und Nährstoffen versorgt werden. Bei dieser neuen Methode der Fleischherstellung wird der natürliche Prozess des Zellwachstums angeregt, allerdings in einer effizienteren Umgebung.
Bei der zellulären Landwirtschaft wird einem Tier auf schmerzfreie Weise eine Zellprobe entnommen. Aus dieser Probe werden Zellen gewonnen, die dann in einem sogenannten Fermenter heranwachsen und sich vermehren. Der Fermenter ermöglicht denselben biologischen Prozess, der im Inneren eines Tieres abläuft. Dabei werden die Zellen mit Wärme und mit den für die Umwandlung in Fleisch erforderlichen Grundnährstoffen versorgt: Wasser, Proteine, Kohlenhydrate, Fette, Vitamine und Mineralien.
Das Ergebnis sind kultiviertes Fett oder kultivierte Muskelzellen, die mit pflanzlichen Zutaten gemischt werden können, um Endprodukte herzustellen, die sich von tierischen Produkten nicht mehr unterscheiden lassen.

Wann wird kultiviertes Fleisch in Europa erhältlich sein?
Die ersten kultivierten Produkte, die in Europa in großem Umfang erhältlich sein werden, dürften Zutaten wie kultiviertes Fett sein, das den Geschmack von pflanzlichem Fleisch verbessern kann, oder Produkte, die geringe Mengen an kultivierten Fleischzellen enthalten.
Seit Mitte 2023 haben mehrere Unternehmen Anträge auf den Verkauf von kultiviertem Fleisch und Zutaten in der EU, der Schweiz und Großbritannien gestellt. Die Regulierungsbehörden führen derzeit gründliche und evidenzbasierte Bewertungen der Sicherheit und des Nährwerts dieser Produkte durch. Grundsätzlich ist das Zulassungsverfahren in der EU auf eine Dauer von rund 18 Monaten ausgelegt. Die Erfahrung zeigt jedoch, dass die Verfahren in der Praxis deutlich länger dauern können.
Produkte mit kultiviertem Fleisch sind bereits in Singapur, den Vereinigten Staaten und Australien zum Verkauf zugelassen. Weitere Produkte haben die offizielle Sicherheitsfreigabe in Israel und Neuseeland erhalten. Die Tatsache, dass die Produkte in diesen Ländern strenge Zulassungsverfahren durchlaufen haben, lässt darauf schließen, dass sie eine Rolle für eine sichere und nachhaltige Zukunft des europäischen Ernährungssystems spielen können. Allerdings befindet sich kultiviertes Fleisch noch in einem frühen Entwicklungsstadium und erfordert noch erhebliche Investitionen in Forschung und Infrastruktur, um die Produktentwicklung und die Skalierung der Herstellung zu unterstützen.
GFI Europe setzt sich auf EU-Ebene und auf nationaler Ebene dafür ein, dass das Zulassungsverfahren für kultiviertes Fleisch zuverlässig, transparent und evidenzbasiert ist.
Wie können wir kultiviertes Fleisch in Europa voranbringen?
Der weltweit erste kultivierte Rindfleisch-Burger wurde 2013 in London vorgestellt. Seitdem haben Startups in ganz Europa Fortschritte bei der Entwicklung von kultiviertem Fleisch und kultivierten Zutaten gemacht. Allerdings ist der Sektor noch in einem frühen Entwicklungsstadium. Öffentliche und private Investitionen sind entscheidend, um den Fortschritt zu beschleunigen und den gesellschaftlichen Nutzen von kultiviertem Fleisch voll auszuschöpfen.
Mit öffentlichen Investitionen in Open-Access-Forschung lassen sich grundlegende Herausforderungen der Technologie angehen, deren Lösungen wiederum frei zugänglich gemacht werden. So wird das Wachstum des ganzen Sektors gefördert – statt nur der Erfolg einzelner Unternehmen – und der gesellschaftliche Nutzen von alternativen Proteinen maximiert. Wenn die Politik die Ernährungssicherheit voranbringen, wirtschaftliches Wachstum in einer vielversprechenden Zukunftstechnologie schaffen und ihre Klimaziele erreichen will, sind Investitionen in die Open-Access-Forschung zu kultiviertem Fleisch ein wirksamer Hebel – genauso wie die Förderung von Forschung und Entwicklung im Bereich der Erneuerbaren Energien.
Laut einer Studie des Beratungsinstituts Systemiq könnte die Branche der alternativen Proteine, zu der auch kultiviertes Fleisch und kultivierte Zutaten gehören, in Deutschland bis zum Jahr 2045 bis zu 65 Milliarden Euro zur deutschen Bruttowertschöpfung beitragen und dabei bis zu 250.000 zukunftssichere Arbeitsplätze schaffen. Inwieweit dieses Potenzial ausgeschöpft wird, hängt maßgeblich von der richtigen Unterstützung durch Politik und Industrie ab, insbesondere von weiteren öffentlichen und privaten Investitionen.
Warum der Begriff kultiviertes Fleisch?
Expertinnen und Experten auf diesem Gebiet nutzen den Begriff „kultiviertes Fleisch“, weil es in Fermentern kultiviert wird: Sie liefern den Zellen die Wärme und die Nährstoffe, die diese brauchen, um zu wachsen.
Für dieses Lebensmittel sind viele Begriffe wie „Kulturfleisch“ oder „In-vitro-Fleisch“ im Umlauf. Besonders irreführend ist „Laborfleisch“ und die dazugehörige Bildwelt von Petrischalen und Pipetten, denn die Herstellung findet nicht in Laboren statt: In großem Maßstab entstehen kultivierte Zutaten in Fermentern, die größeren Produktionsanlagen wie Brauereien ähneln. Alle Arten von Lebensmitteln entstehen zunächst in einem Lebensmittellabor – trotzdem nennen wir Cornflakes nicht „Labor-Cornflakes“. Auch „künstliches Fleisch“ ist falsch, da kultiviertes Fleisch aus echten tierischen Zellen hergestellt wird. Eine Untersuchung von Opinium zeigt, wie wichtig eine treffende Produktbezeichnung ist – sie vermeidet Missverständnisse und verringert Risiken für Menschen mit Allergien.
GFI hat 2019 ein umfangreiches Forschungsprojekt durchgeführt, um einen neutralen, verständlichen und für Verbraucherinnen und Verbraucher ansprechenden Begriff zu identifizieren. In dem Projekt hat sich für die englische Sprache der Begriff „cultivated meat“ als am besten geeignet herauskristallisiert und wird seitdem von GFI verwendet. Ein umfangreiches Forschungsprojekt im Auftrag von GFI Europe hat 2022 bestätigt, dass dieser Begriff nicht nur in der englischen Sprache am besten geeignet ist, um den Prozess adäquat zu beschreiben, sondern auch in den jeweiligen Übersetzungen ins Deutsche, Französische, Italienische und Spanische.
Forschung zu kultiviertem Fleisch
Erfahren Sie mehr über die Technologie, die hinter kultiviertem Fleisch steckt – und darüber, wie weitere Forschung dazu beitragen kann, den Übergang zu einem nachhaltigen, sicheren und gerechten Ernährungssystem zu beschleunigen.
State of the Industry Report
In dem aktuellen State of the Industry Report können Sie mehr über das aktuelle Marktumfeld, Investitionen, regulatorische Entwicklungen und wissenschaftliche Fortschritte im Sektor für kultiviertes Fleisch, Fisch und Meeresfrüchte sowie kultivierte Zutaten erfahren.
Politische Rahmenbedingungen
Damit kultiviertes Fleisch sein Potenzial zur Bewältigung der Klimakrise, zum Schutz der öffentlichen Gesundheit und zur Verbesserung der Ernährungssicherheit entfalten kann, braucht es Unterstützung aus der Politik.
GFI Europe setzt sich für öffentliche Investitionen im Bereich der zellulären Landwirtschaft, für eine evidenzbasierte Regulierung und transparente Vorschriften zur Produktkennzeichnung ein, damit Verbraucherinnen und Verbraucher Zugang zu diesen nachhaltigen Produkten bekommen und informierte Kaufentscheidungen treffen können.
Handbuch zu kultiviertem Fleisch
Ein kurzer Leitfaden mit den wichtigsten Daten und Fakten zu kultiviertem Fleisch sowie zu weiterführendem Informationsmaterial.