Meilenstein bei neuartigen Lebensmitteln: Neues Mykoprotein erhält EU-Zulassung
Die Europäische Kommission hat Fermotein als neuartiges Lebensmittel zugelassen – das bedeutet, dass es ab sofort in allen EU-Mitgliedstaaten verkauft werden darf. Dies ist die erste Zulassung seit Einführung der Verordnung über neuartige Lebensmittel Ende der 1990er Jahre.
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18. Juni 2026

Die Europäische Kommission hat den neuen mykoproteinhaltigen Inhaltsstoff Fermotein vom niederländischen Start-Up The Protein Brewery zugelassen. Dies ist die erste Zulassung seit Einführung der Verordnung über neuartige Lebensmittel Ende der 1990er Jahre. Vor dem Hintergrund zunehmender Instabilität in den Lebensmittelversorgungsketten und des wachsenden Bedarfs an nachhaltigeren Methoden zur Herstellung nährstoffreicher, erschwinglicher und schmackhafter Lebensmittel mit hohem Proteingehalt setzt diese Nachricht ein vielversprechendes Signal.
Die Zulassung bedeutet, dass The Protein Brewery seinen neuen Inhaltsstoff Fermotein nun EU-weit vertreiben kann. Dies ist zweifellos ein Meilenstein, der jedoch sehr lange auf sich warten ließ. Von der ersten Einreichung des Zulassungsantrags bis zur endgültigen Genehmigung vergingen insgesamt sechs Jahre – jüngere Anträge des Unternehmens in den USA und Singapur wurden bereits vor über einem Jahr genehmigt. Diese Verzögerung wirft die Frage auf, ob das derzeitige Innovationsumfeld in Europa seine Ambitionen hinsichtlich globaler Wettbewerbsfähigkeit erfüllen kann, ohne stärkeres Engagement für effizientere und transparentere Regulierungsprozesse zu zeigen.
Wie wird dieses Mykoprotein hergestellt und was macht es zu einem neuartigen Lebensmittel?
Dieser neue Inhaltsstoff wird mittels Biomassefermentation hergestellt, genau wie andere in Europa bereits erhältliche Mykoprotein-Zutaten (zum Beispiel in Lebensmitteln, die unter dem Namen Quorn verkauft werden). Das Besondere an diesem Mykoprotein ist, dass es eine neue Art von Fadenpilzen nutzt – eine Spezies namens R. pusillus. Zwar ist die Verwendung dieses Pilzes in Lebensmitteln an sich nicht neu (er kommt natürlicherweise in traditionellen fermentierten Lebensmitteln vor und wird seit langem zur Herstellung von Enzymen für die Käseherstellung genutzt), allerdings wurde er vorher nicht als eigenständige Hauptzutat verwendet.
Der Fermentationsprozess ist ähnlich wie beim Bierbrauen und stellt eine Zutat mit einem hohen Gehalt an vollständigem Protein und Ballaststoffen her, die verschiedene wichtige Vitamine und Mineralstoffe enthält. Die ursprünglichen Verwendungszwecke, für die die Zutat im EU-Kontext konzipiert wurde, konzentrierten sich auf die Verbesserung des Nährwertprofils pflanzlicher Milchprodukte, die Einarbeitung in Mehle und Teige zum Backen sowie die Verwendung als funktionelle Proteinquelle für den Sport oder die personalisierte Ernährung.
Mykoprotein hat nicht nur ein hochwertiges Nährwertprofil, sondern ist auch besonders nachhaltig. Eine Studie der Wageningen University and Research, die im Auftrag von The Protein Brewery durchgeführt wurde, ergab, dass Fermotein im Vergleich zu herkömmlichen Milchprodukten pro Kilogramm Protein fünf- bis 30-mal weniger Wasser und fünf- bis 20-mal weniger Anbaufläche benötigt1. Zudem sind die Lieferketten im Vergleich zur industriellen Tierhaltung kürzer; somit kann die Zutat zur Diversifizierung und Verbesserung der Ernährungssicherheit beitragen.
Wie die jüngsten Ereignisse gezeigt haben, ist ein resilientes Ernährungssystem wichtiger denn je. Der Agrar- und Lebensmittelsektor der EU ist stark von Importen proteinreicher Tierfuttermittel abhängig: 66 % des Tierfutters werden importiert, und die Selbstversorgungsquote bei Sojamehl liegt bei nur 4 %. Angesichts des fortschreitenden Klimawandels und der zunehmenden globalen Instabilität stellt dies ein wachsendes Risiko dar. Um dieses Risiko zu mindern, muss unsere Proteinversorgung diversifiziert werden.
Da diese Herausforderung nicht nur Europa betrifft, stellt die Proteindiversifizierung auch im internationalen Kontext eine wirtschaftliche Chance für Europa dar. Denn Europa beherbergt weltweit führende Forscherinnen und Forscher, akademische Einrichtungen sowie ein vielfältiges Ökosystem aus Start-ups und Spin-offs auf diesem Gebiet.
Eine Anfang 2026 von Systemiq durchgeführte Studie hat dieses Potenzial quantifiziert und gezeigt, dass alternative Proteine mit der richtigen Unterstützung und den richtigen Investitionen bis 2040 jährlich 111 Milliarden Euro zur EU-Wirtschaft beitragen und 414.000 Arbeitsplätze sichern könnten, von denen 16 % im Ackerbau liegen würden2.
Um dieses Potenzial auszuschöpfen, ist jedoch mehr Unterstützung aus Politik und Industrie erforderlich als derzeit vorhanden. In Europa gelten zwar weltweit führende Standards für Lebensmittelsicherheit, allerdings sind die zugrunde liegenden Prozesse oft undurchsichtig und ineffizient. Diese hohen Standards müssen weiterhin gewahrt werden – doch dies ist auch mit einem effizienteren Zulassungsprozess möglich.
Die regulatorische Lage
Verzögerungen im Zulassungsprozess verlangsamen das Tempo, mit dem neuartige Lebensmittel zur Diversifizierung und Widerstandsfähigkeit des Ernährungssystems beitragen können – und zwar nicht nur, weil sie nicht für den Verkauf verfügbar sind. Verzögerungen bremsen auch den Aufbau von Infrastruktur, die Entwicklung lokaler Lieferketten sowie Investitionen in Forschung und Innovation. Sollte diese Unsicherheit anhalten, könnte das vielversprechende Wachstum des Ökosystems, das Europa im letzten Jahrzehnt erlebt hat, ins Stocken geraten und Unternehmen könnten abwandern.
Daher benötigt die EFSA – die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit – Kapazitäten, um Anträge effizienter zu bearbeiten. Außerdem braucht es klare und aktuelle Leitlinien für die Antragsteller, damit diese direkt beim ersten Mal gut strukturierte Anträge einreichen und somit unnötige Iterationsschleifen vermeiden können.
Wenn Innovatoren zudem vor der Einreichung ihrer Anträge frühzeitig wissenschaftliche Beratung von der EFSA zu Teststrategien und Studiendesign erhalten, könnten sie den Prozess mit größerer Sicherheit durchlaufen. Solch ein frühzeitiger Dialog ermöglicht es der EFSA zudem, Ernährungstrends zu antizipieren, Fachwissen aufzubauen und Risikobewertungen zu optimieren.
Gleichzeitig muss der regulatorische Rahmen mit dem Innovationstempo Schritt halten. Wenn ein völlig neues Produkt wie das Mykoprotein von The Protein Brewery auf den Markt kommt, bewerten die Lebensmittelsicherheitsbehörden die zugrunde liegende Technologie oft zum ersten Mal.
Hier stellen Regulatory Sandboxes ein geeignetes Instrument dar, um unter behördlicher Aufsicht evidenzbasiert zu lernen und Erfahrungen systematisch auszuwerten und zu teilen. Es kann den Behörden dabei helfen, die Technologien hinter alternativen Proteinen besser zu verstehen; gleichzeitig hilft es den Unternehmen, sich besser auf die Anforderungen des Zulassungsprozesses einzustellen.
Im Ergebnis dürfte dies die Qualität von Zulassungsanträgen verbessern und auf lange Sicht die Dauer von Zulassungsverfahren verkürzen.
Ausblick
Die Markteinführung von Fermotein in der EU ist vielversprechend und gehört zu den wenigen Zulassungen für neuartige alternative Proteine, die bisher erteilt wurden.
Damit Europa jedoch das ökonomische, ökologische und sicherheitspolitische Potenzial der Proteindiversifizierung vollständig ausschöpfen kann, darf ein sechsjähriger Zulassungsprozess nicht der Standard sein. Die nächste Generation nachhaltiger Lebensmittelinnovationen ist bereits in der Pipeline; der regulatorische Weg zur Markteinführung sollte möglichst transparent und effizient sein.
- Rodriquez-Illera, M., Siccema, J., Broeze, J. (2024). Benchmark comparisons of Fermented protein products’ environmental foodprints (Fermoprints). Wageningen Food & Biobased Research. ↩︎
- Systemiq (2026). Seizing the economic opportunity of alternative proteins: Delivering prosperity from farm to factory ↩︎