„Burger“ und „Wurst“ bleiben erlaubt – doch eine unnötige EU-Entscheidung verbietet 31 alltägliche Begriffe für pflanzliche Lebensmittel
Die Begriffe „Burger“ und „Wurst“ dürfen vorerst weiterhin für Lebensmittel auf pflanzlicher Basis verwendet werden. Dutzende andere alltägliche Bezeichnungen sollen jedoch künftig untersagt werden. Diese unnötigen Einschränkungen könnten Verbraucherinnen und Verbraucher verwirren, der europäischen Wirtschaft schaden und die Resilienz Europas schwächen.
6. März 2026

Die Begriffe „Burger“ und „Wurst“ dürfen vorerst weiterhin für Lebensmittel auf pflanzlicher Basis verwendet werden. Dutzende andere alltägliche Bezeichnungen sollen jedoch künftig untersagt werden. Diese unnötigen Einschränkungen könnten Verbraucherinnen und Verbraucher verwirren, der europäischen Wirtschaft schaden und die Resilienz Europas schwächen.
Sobald die neuen Vorgaben in Kraft treten, dürfen pflanzliche Lebensmittel im gesamten EU-Binnenmarkt nicht mehr mit Begriffen wie „Steak“ gekennzeichnet werden. Unternehmen wird zudem untersagt, Wörter zu verwenden, die mit bestimmten Tierarten verbunden sind, etwa „Rind“, „Huhn“ oder „Schwein“.
Insgesamt werden 31 Begriffe eingeschränkt*, darunter auch Bezeichnungen für bestimmte Fleischstücke wie „Brust“, „Keule“ oder „Flügel“.
Die Entscheidung betrifft nicht nur pflanzliche Produkte, die bereits auf dem Markt sind. Sie zielt auch darauf ab, diese Begriffe künftig für kultiviertes Fleisch sowie für Inhaltsstoffe zu verbieten, die bislang noch gar nicht auf dem Markt sind. Insbesondere für Menschen mit bestimmten Lebensmittelallergien stellen uneindeutige Bezeichnungen ein großes Risiko dar.
Studien zeigen, dass Bezeichnungen mit Bezug zu Fleisch für das Verständnis von kultiviertem Fleisch für alle Verbraucherinnen und Verbraucher eine wichtige Rolle spielen. Für sie entsteht ein unnötiges Risiko, wenn sie nicht mehr auf einfache Art klar verstehen können, was sie kaufen. Kennzeichnungsentscheidungen sind Teil des Zulassungsverfahrens für diese Lebensmittel. Die neuen Einschränkungen könnten dieses Verfahren daher erheblich untergraben.
Die Entscheidung fiel während sogenannter Trilogue-Verhandlungen zwischen Europäischer Kommission, Europäischem Parlament und Rat der Europäischen Union. Es war der dritte Versuch der Institutionen, sich auf einen gemeinsamen Text zu verständigen. Zuvor hatte das Europäische Parlament Vorschläge unterstützt, die im vergangenen Jahr von der französischen Europaabgeordneten Céline Imart im Agrarausschuss eingebracht worden waren.
Ihr Vorschlag war Teil der Überarbeitung der Verordnung über die Gemeinsame Marktorganisation und sollte bestehende Regeln zum Schutz von Landwirtinnen und Landwirten verschärfen. Dabei griff sie auf Argumente und Formulierungen zurück, die bereits vor mehreren Jahren in der Debatte verwendet wurden.
Denn bereits 2020 diskutierte das Europäische Parlament ähnliche Maßnahmen. Damals lehnten die Abgeordneten das sogenannte „Veggie-Burger-Verbot“ schließlich ab, nachdem die Vorschläge international große mediale Aufmerksamkeit erhalten hatten. Auch damals hat sich eine breite Koalition aus Wirtschaft, Wissenschaft und Zivilgesellschaft deutlich gegen die Beschränkungen ausgesprochen.
Ein unnötiges Verbot
In unterschiedlichen Umfragen haben Menschen in Europa immer wieder deutlich gemacht, dass sie die Verwendung vertrauter Begriffe für pflanzliche Lebensmittel unterstützen. Diese helfen ihnen zu verstehen, was sie von einem Produkt erwarten können. Für eine vermeintliche Verwirrung oder das Gefühl, getäuscht zu werden, gab es keine Evidenz.
Zwar verzichtet die EU darauf, die am häufigsten verwendeten Begriffe vollständig zu verbieten. Dennoch wird die Entscheidung voraussichtlich zu Rechtsunsicherheit bei Unternehmen und schließlich zu genau der Verwirrung bei Verbraucherinnen und Verbrauchern führen, die eigentlich vermieden werden sollte.
Dabei ist es wichtig, solche Wahlmöglichkeiten einfach und verständlich zu gestalten. Eine wachsende Zahl wissenschaftlicher Studien zeigt, dass Lebensmittel auf pflanzlicher Basis gesundheitliche Vorteile bieten können. Sie stellen insbesondere eine praktische Option dar, um den derzeit hohen Konsum stark verarbeiteter Fleischprodukte aus der Tierhaltung zu reduzieren.
Denn Lebensmittel mit Bezeichnungen wie „pflanzliches Huhn“ oder „veganes Steak“ sind in Supermärkten in ganz Europa inzwischen alltäglich geworden.
Solche alltagsnahen Begriffe helfen Verbraucherinnen und Verbrauchern, Erwartungen an Geschmack, Textur und Verwendung eines Lebensmittels zu verstehen und erleichtern damit bewusste Kaufentscheidungen. Und willkürliche Änderungen an diesen geläufigen Bezeichnungen stehen in völligem Widerspruch zum Sprachgebrauch der Menschen und ihren Gewohnheiten.
Für die noch junge Branche pflanzlicher Lebensmittel, eine der innovativsten und am schnellsten wachsenden Sparten der europäischen Lebensmittelindustrie, würden solche Kennzeichnungsvorgaben zudem zusätzliche Kosten verursachen. Unternehmen müssten etwa Verpackungen und Markenauftritte neu gestalten. Der Bundesverband für alternative Proteinquellen geht beispielsweise allein für Deutschland von Kosten in Höhe von 250 Millionen Euro aus. Gleichzeitig könnte der EU-Markt für internationale Unternehmen weniger attraktiv werden. Damit stehen die geplanten Vorschriften auch in starkem Widerspruch zum Ziel der EU, Bürokratie abzubauen und Verfahren zu vereinfachen.
Eine Gefahr für die europäische Wettbewerbsfähigkeit
Der Zeitpunkt dieser Entscheidung wirkt besonders zynisch. Nur wenige Wochen zuvor hatte eine Analyse des System-Change-Unternehmens Systemiq, unterstützt von GFI Europe, das enorme Wachstumspotenzial alternativer Proteine in Europa aufgezeigt.
Die Studie kommt zu dem Ergebnis, dass eine strategische Förderung von pflanzlichen Lebensmitteln sowie von kultiviertem Fleisch und Lebensmitteln aus Fermentation bis 2040 eine jährliche Bruttowertschöpfung von rund 111 Milliarden Euro in der EU ermöglichen könnte. Das entspricht in etwa dem Beitrag der europäischen Weinwirtschaft zum Bruttoinlandsprodukt.
Mit geeigneten politischen Rahmenbedingungen könnte der Exportmarkt ein Volumen von rund 60 Milliarden Euro erreichen, vergleichbar mit den heutigen Exporten der EU nach Südkorea.
Deutschland ist mit einem Marktvolumen von 759 MillionenEuro der mit Abstand größte Markt für pflanzliche Fleischalternativenin Europa. Einer nur wenig älteren Systemiq-Studie zufolge könnte der Sektor allein hier mit den richtigen politischen Rahmenbedingungen langfristig bis zu 65 Milliarden Euro zusätzliche Wertschöpfung generieren und bis zu 250.000 neue Arbeitsplätze schaffen.
Zugleich könnte ein wachsender Markt für pflanzliche Fleisch- und Milchprodukte die Nachfrage nach landwirtschaftlichen Rohstoffen wie Erbsen, Ackerbohnen, Linsen und Kichererbsen deutlich erhöhen. Dadurch entstünden neue Möglichkeiten für Landwirtinnen und Landwirte in Europa, ihre Einkommensquellen zu diversifizieren.
Die Studien zeigen jedoch auch, dass diese Potenziale nur realisiert werden können, wenn die EU stärker in Forschung, Entwicklung und Infrastruktur investiert. Ziel muss es sein, alternative Proteine schmackhaft, preislich wettbewerbsfähig und breit verfügbar zu machen. Zudem empfiehlt der Bericht, Einschränkungen bei Produktbezeichnungen auszuschließen und eine gemeinsame Terminologie zu entwickeln, um Wiedererkennbarkeit und Vertrauen bei Verbraucherinnen und Verbrauchern zu stärken.
Eine Herausforderung für Europas Lebensmittelversorgung
Die europäische Lebensmittelversorgung steht vor zahlreichen Herausforderungen. Dazu gehören zunehmende geopolitische Spannungen mit Auswirkungen auf den internationalen Handel sowie immer stärkeren Auswirkungen des Klimawandels, die in vielen Regionen bereits zu Dürren und Überschwemmungen geführt haben.
Vor diesem Hintergrund besteht dringender Handlungsbedarf, die Resilienz agrarischer Wertschöpfungsketten zu stärken und die Ernährungssouveränität Europas zu erhöhen.
Es wird erwartet, dass die weltweite Nachfrage nach Fleisch bis 2050 um mindestens 52 Prozent steigt. In Deutschland werden bereits heute rund 50 Prozent des angebauten Getreides an Tiere verfüttert, über 60 Prozent der landwirtschaftlichen Flächen werden für die Erzeugung von Futtermitteln genutzt. Die Zahlen für die EU insgesamt sehen ähnlich aus. In einer zunehmend unsicheren Welt braucht Europa eine stärker diversifizierte und erst dadurch resiliente Lebensmittelversorgung.
Lebensmittel auf pflanzlicher Basis könnten dazu beitragen, die Nachfrage nach Fleisch mit deutlich geringerem Flächenbedarf zu decken. Selbst eine moderate Diversifizierung der Proteinproduktion könnte es ermöglichen, rund 22 Prozent der landwirtschaftlichen Flächen in Deutschland verfügbar zu machen. So könnten sie wieder stärker genutzt werden für die direkte Lebensmittelproduktion, den ressourcenschonenden Ökolandbau oder naturnahe Lebensräume, bspw. durch die Wiederaufforstung von Wäldern.
Vor diesem Hintergrund wirkt es schwer nachvollziehbar, dass politische Entscheidungsträgerinnen und Entscheidungsträger so viel Aufmerksamkeit auf die Frage der Produktbezeichnungen verwendet haben. Statt Zeit mit Debatten über Einschränkungen zu verbringen, die Verbraucherinnen und Verbraucher nachweislich nicht wünschen, wäre es sinnvoller gewesen, ihre Energie in den Aufbau eines gesünderen und nachhaltigeren Ernährungssystems zu investieren.
Auch wenn diese Entscheidung ein problematisches Signal für die Diversifizierung der Proteinversorgung in der EU sendet, sollte sie die Bemühungen nicht ausbremsen, die Produktion pflanzlicher Lebensmittel und anderer alternativer Proteine auszubauen. Immer mehr politische Entscheidungsträgerinnen und Entscheidungsträger erkennen inzwischen, welche Rolle Technologien wie Fermentation für nachhaltiges wirtschaftliches Wachstum spielen können. Umso wichtiger ist es jetzt, dem Sektor die erforderliche politische Unterstützung zukommen zu lassen.
* Liste der eingeschränkten Begriffe: beef, veal, pork, poultry, chicken, turkey, duck, goose, lamb, mutton, ovine, goat, drumstick, tenderloin, sirloin, flank, loin, steak, ribs, shoulder, shank, chop, wing, breast, liver, thigh, brisket, ribeye, T-bone, rump und bacon.